Freitag, 25.06.2021, 20 Uhr

Christina Pareigis: Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie über Fremdheit und Ortlosigkeit, im Schreiben wie im Leben

Als die elfjährige Susan Taubes im April 1939 nach sechstägiger Schiffspassage den Boden von New York betrat, lag hinter ihr eine Kindheit in Budapest als Enkelin eines angesehenen Rabbiners und Tochter eines bekannten Psychoanalytikers. Vor ihr lag ein bewegtes kurzes Leben, in dem sie keine Heimat mehr fand. Ihre Studienjahre verbrachte die junge Philosophin in Jerusalem, an der Sorbonne und in Harvard, ihr Leben als Schriftstellerin in Paris und New York: Orte, die den Rahmen ihrer intellektuellen und künstlerischen Arbeit, etwa zum Judentum nach dem Zweiten Weltkrieg oder der Shoah, bildeten, und zu einem außergewöhnlichen Netz an Begegnungen (wie mit Sontag oder Lévinas) führten. Budapest aber blieb der Fluchtpunkt für die immer gegenwärtige Erinnerung an die Welt des eigenen Aufwachsens und Ausgangspunkt für eine lebensgeschichtliche Aneinanderreihung von Verlusterfahrungen. Wie diese zusammen mit politischer Gewalt und ständigem Transit Susan Taubes` Leben und Schreiben prägten, berichtet Christina Pareigis eindrücklich und nah - auf Quellenbasis von Aufzeichnungen und Hinterlassenschaften der Schriftstellerin:

Christina Pareigis: Susan Taubes. Eine intellektuelle Biografie. Wallstein 2021, 472 S. mit Abb. Geb. 29,00 €

Christina Pareigis, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, war Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL). Forschungsschwerpunkte u. a.: europäisch-jüdische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Jiddische Literatur und Literatur der Shoa. 

Veröffentlichungen u. a.: Schriften von Susan Taubes (hg. v. Sigrid Weigel), Bd. 1 /1: Die Korrespondenz mit Jacob Taubes 1950-1951 (Hg., 2011), Bd. 1 /2: Die Korrespondenz mit Jacob Taubes 1952 (Hg., 2014), Bd. 3: Prosaschriften (Hg., 2015); trogt zikh a gezang … Jiddische Liedlyrik aus den Jahren 1939-1945. Kadye Molodovsky, Yitzhak Katzenelson, Mordechaj Gebirtig (2003).

2004 wurde Christina Pareigis mit dem Joseph Carlebach-Preis ausgezeichnet.

Die Selbstauskunft von Susan Taubes aus dem Jahr 1964:

„Born in Budapest, 1930. Brought to U.S.A. 1939. Schooled in Pittsburgh, Pa and Rochester N.Y. Acted in summer stock and repertory in States and London. A.B. from Bryn Mawr College in philosophy.
Graduate studies in Geneva, Paris, Jerusalem. PhD in Philosophy and History of Religion from Harvard Divinity School and Radcliffe College. Under various grants and fellowships.
Published in scholary journals articles like, ‘The Gnostic Foundations of Heidegger´s nihilism’ and ‘The mystical atheism of Simone Weil’ besides essay on tragedy, Camus. An essay on Genet´s Black in the Tulane DR. Dissertation on modern atheism: The Absent of God, studies in Nietzsche, Kafka, Heidegger, Simone Weil. (unpublished)
Published (under my maiden name, Feldman), African Myths and Tales (Dell, 1963) Companion volumes of Amer(ican) Ind.(ian) Tales coming out in Spring 64.
Taught for four years on faculty of Columbia. Resigned in ’63. Left New York and husband to live in Paris with my children. And write.”

Dazu noch in einem handschriftlichen Postkriptum: „Probably better not stress my academic career. Anyway it´s over.”

Folgende Bücher von Susan Taubes im Sortiment:

Susan Taubes: Scheiden tut weh. Roman. Übersetzung von Nadine Miller. Matthes & Seitz Berlin 1995 (nach wie vor lieferbar und im Sortiment) Ln 24,80 €

Susan Taubes: Divorcing. New York Review Books Classics 2020. 288 S. Kart. 16,50 €

Die Korrespondenz mit Jacob Taubes. Bd 1/1: 1950 - 1951 und 1/2: 1952 im Verlag Fink (lieferbar)

Geht es im ersten Band um die kulturellen und intellektuellen Szenen in New York und Jerusalem, erzählen die in Band 1,2 versammelten Briefe von der intellektuellen und künstlerischen Avantgarde in Paris. Sie berichten von persönlichen Begegnungen u. a. mit Emmanuel Lévinas, Hannah Arendt, Albert Camus und Marc Chagall. Zugleich zeugen sie von einer Radikalisierung der Auseinandersetzungen zwischen dem Ehepaar. Dreh- und Angelpunkt ist ihr je unterschiedliches Verhältnis zum Judentum sowie zur Verbindung von Religion und Politik. Schauplatz ist der gerade gegründete Staat Israel. Zudem kündigt sich ein Schwerpunktwechsel in Susan Taubes’ Denken an: Ihr frühes Interesse an der Frage nach theologischen Elementen in Heideggers Denken wird zunehmend von einer Faszination für die Philosophin und Mystikerin Simone Weil abgelöst, über die sie später in Harvard ihre Dissertation schreiben wird, die Paul Tillich betreut.

Susan Taubes: Prosaschriften. Hrsg. von Christina Pareigis. Fink 2015. 253 S. Geb. (lieferbar)

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Die Philosophischen Schriften von Susan Taubes sollen 2022 auch bei Fink erscheinen.




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