Dietrich Bonhoeffers theologische Reflexionen über die Spätwerke Bachs und Beethovens. Vortrag mit Hörbeispielen von Prof. Dr. Andreas Pangritz

In Dietrich Bonhoeffers Briefen und Aufzeichnungen aus der Haft, die 1951 von seinem Freund Eberhard Bethge unter dem Titel Widerstand und Ergebung veröffentlicht worden sind, finden sich theologische Reflexionen über Musik, die im allgemeinen nur wenig Beachtung finden. Die meisten dieser Assoziationen sind noch vor Einsatz des „theologischen Themas“ formuliert, der „Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist“ (Brief vom 30. April 1944). In ihnen wird präludiert, später auch kommentiert, was mit den vielfach als anstößig empfundenen „neuen Formeln“ von Bonhoeffers „Theologie der mündigen Ohnmacht“ gemeint ist.
Der Vortrag wird sich auf zwei Aspekte von Bonhoeffers Reflexionen konzentrieren: Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ und Ludwig van Beethovens letzte Klaviersonate op. 111. Bachs (unvollendete) „Kunst der Fuge“ steht für das „Fragmentarische unseres Lebens“ und – wegen des in der Tradition hinzugefügten Chorals („Vor deinen Thron tret’ ich hiermit“) – zugleich für die Möglichkeit einer „menschlich nicht mehr zu leistenden höheren Vollendung“ (Brief vom 23. Februar 1944). Das „Arietta“-Thema aus Beethovens letzter Klaviersonate, niedergeschrieben in einer Zeit, als der Komponist längst taub war, wird von Bonhoeffer mit der leiblichen Auferstehung und der „gesungenen Osterfreude“ assoziiert. Bonhoeffer bemerkt, „wie die nur mit dem inneren Ohr gehörte Musik […] gewissermaßen einen ‚neuen Leib‘“ gewinne (Brief vom 27. März 1944). Hier zeigen sich überraschende Parallelen zu Theodor W. Adornos Reflexionen über den „Spätstil Beethovens“, die von Thomas Mann in seinem Roman Doktor Faustus (1947) aufgegriffen wurden.
Literaturhinweis:

Andreas Pangritz, Polyphonie des Lebens. Zu Dietrich Bonhoeffers „Theologie der Musik“, Stuttgart (3., erweiterte Auflage): Kohlhammer, 2020.

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