Marie Luise Knott: Die Gesänge der Tagtigall


Marie Luise Knott: Die Gesänge der Tagtigall. Kolumnen zur Poesie. Matthes & Seitz Berlin 2026. 316 S. Geb. 28,00 €

Anfang des 20. Jahrhunderts erfand Christian Morgenstern in einem Kindergedicht diverse fantastische Wesen und Gewächse, darunter »die Turtelunke«, »den Gürtelstier« und »die Tagtigall« – ein Ulk und eine Liebeserklärung an die Möglichkeiten der Sprache zur Welterweiterung. Seit Jahren nun schon siedelt die »Tagtigall« als Lyrik-Kolumne in den Gefilden des Onlinemagazins Perlentaucher, von wo aus sie nahe und ferne Sprachlandschaften – auch poetische Verfahren und Versuchsanordnungen, Sonette, Minnesang, konkrete Poesie – befliegt, besingt und beäugt. Die hier erstmalig versammelten Essays sind Erkundungsflüge und Erkundungsgesänge durchs Dickicht dichterischer Denk- und Sprachbewegungen – aufgeschreckt von einer konkreten Frage, einer konkreten Verwunderung, einer Erschütterung oder einem Entzücken. Die dichten Versuche – über Szilárd Borbély, Nico Bleutge und Bertolt Brecht, über Elke Erb, Kim Hyesoon und Friederike Mayröcker, Oskar Pastior, Jan Wagner, Uljana Wolf u. v. a. – durchstreifen das unwegbare Gelände der Wirklichkeit und erweisen sich als leuchtende Denkbilder.

Die Gesänge der Tagtigall sind ein leidenschaftliches Plädoyer für die schöpferische Kraft der Sprache und des Denkens.

Einige der Lyrikerinnen und Lyriker, die Marie Luise Knott recht ausführlich in ihrem Buch bedenkt, waren schon zu Lesungen in der Buchhandlung Böttger (z.B. Tanikawa Shuntaro), einige wurden durch abendfüllende Veranstaltungen geehrt (z.B. Srecko Kosovel), nur wenige  fehlen in dem recht umfangreichen Lyriksortiment der Buchhandlung.

Marie Luise Knott lebt als freie Autorin, Kritikerin und Übersetzerin in Berlin. Zuletzt erschien: 370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive. Hannah Arendt und Ralph Ellison, das mit dem Tractatus-Preis für philosophische Essayistik ausgezeichnet wurde. Knott ist Mitherausgeberin von John Cage. Empty Mind zusammen mit Walter Zimmermann, Berlin 2012. Sie ist die Übersetzerin von Anne Carson, Anthropologie des Wassers und Albertine. 59 Liebesübungen. Kürzlich erschien Dazwischenzeiten. 1930 – künstlerische Wege in der Erschöpfung der Moderne. In dem Internet-Kulturmagazin »www.perlentaucher.de« hat sie eine Kolumne für zeitgenössische Lyrik unter dem Titel: Tagtigall.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Marie Luise Knott: 370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive. Hannah Arendt und Ralph Ellison. Matthes & Seitz 2022. 145 S. Geb. 22,00 €

Ausgezeichnet mit dem Tractatus Essaypreis 2022

Ein verblüffendes Fragment aus der Vorgeschichte von Black Lives Matter
Kaum ein Essay von Hannah Arendt ist so umstritten wie ihre 1959 erschienene Kritik an der gesetzlich forcierten Integration schwarzer Schüler und Schülerinnen. Während Arendt die Einwände ihrer liberalen Freunde damals abtat, schrieb sie – die Theoretikerin der Freiheit – dem afroamerikanischen Schriftsteller Ralph Ellison 1965, sie habe seine Replik auf ihre damaligen Ausführungen gelesen, die »nackte Gewalt« bislang nicht bedacht und sein »Ideal des Opfers« jetzt erst verstanden. Um welches Opfer ging es dabei? Um welche Blindheiten? Und was erzählt diese Episode über die damalige Zeit und über das Werk Hannah Arendts? Marie Luise Knott entfaltet ein eindrückliches Mosaik an Gedanken, Bildern und Reflexionen zu den Hintergründen von Arendts Briefs und öffnet so einen Blick in den Abgrund der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Ferne und Nähe afroamerikanischer und jüdischer Erfahrungen werden erfahrbar am Beispiel dieser beiden öffentlichen Personen, die Welten voneinander trennten, auch wenn sie nur einen Zahlendreher entfernt in derselben Straße lebten. Beide konnten von ihren Fenstern aus auf den selben Fluss blicken, der gleich um die Ecke in jenes Meer mündet, über das beide, Schwarze wie Juden, einst, wenngleich unter konträren Bedingungen, ins Land kamen.

Marie Luise Knott. Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt. Matthes & Seitz 2017. 168 S. Geb. 20,00 €
Um den Vortrag ›Kollektive Verantwortung‹ von Hannah Arendt erweiterte Ausgabe, von Hannes Bajohr ins Deutsche übersetzt.

Marie Luise Knott skizziert Erkenntniswege, mit deren Hilfe sich Hannah Arendt, die Theoretikerin der Freiheit, kollektive »Lebenslügen« und vorgefasste Meinungen austreibt, die am Denken hindern. Die Kraft der Bilder und der Begriffe machen den Denkraum Hannah Arendts zu einem verlässlichen Ort, in dem der Leser seine eigene denkerische Ratlosigkeit aufgehoben weiss und sich selbst in »wesentliche gedankliche Prozesse« verwickeln kann. – ›Verlernen‹ ist mehr als ein Buch über das Nachleben dieser Ausnahmedenkerin. Arendts Wege des Verlernens erweisen sich als Anstöße zu politischem Handeln und Urteilen.

Marie Luise Knott. Dazwischenzeiten 1930. Wege in der Erschöpfung der Moderne.
Matthes & Seitz 2017. 192 S. Geb. 20,00 €

Im Jahr 1930 setzten viele Künstler der Moderne ihre Erschütterungen ins Bild, noch bevor sie diese begriffen, in Begriffe hätten fassen können. In vier Essays fragt Marie Luise Knott mit einer der damaligen Lage entsprechenden Dringlichkeit, welche neuartigen Erosionslandschaften die vier Künstler Erwin Piscator, Karl Wolfskehl, Bertolt Brecht und Paul Klee in diesem Jahr durchmaßen – damals, als Piscators elektrisierendem Theater das Licht ausging, als Wolfskehls geheimes Deutschland zerstob, als Bertolt Brecht der Gesellschaft in der sich radikalisierenden Welt der Straßenaufmärsche und Saalschlachten den Spiegel vorhielt. Und als Paul Klee sich selbst aus seiner Kunst vertrieb. Nach wie vor beunruhigt die Frage, wie es geschehen konnte, dass der Sieg der Nationalsozialisten 1933 so beschämend einfach war. Die Frage beunruhigt umso mehr angesichts der heutigen Krisen, die so oft vermeintliche Parallelen zu der Zeit vor dem Ende der Weimarer Republik wachrufen. Was gaben die Künstler damals verloren? Was ließen sie sein, weil es so wie es war nicht weiter ging? Und: lassen sich mit dem Blick von heute Momente rekonstruieren, in denen 1930 Neues seinen Ausgang nahm? Indem man die Vergangenheit neu zerlegt, zerlegt man auch die Gegenwart und macht die Zukunft wieder zu dem, was sie ist: rätselhaft, unerwartet, unvernünftig.

Marie Luise Knott (Hg.), Georg Witte (Hg.): Mit anderen Worten. Zur Poetik der Übersetzung. Matthes & Seitz 2014. 204 S. Geb. 19,90 €
(zu dem Thema Übersetzung noch weitere Bücher)

Anne Carson: Norma Jeane Baker von Troja. Übersetzung: Marie Luise Knott. Matthes & Seitz 2025. 68 S. Ge. 18,00 €

Anne Carson: Anthropologie des Wassers. Übersetzung: Marie Luise Knott. Matthes & Seitz 2014. 130 S. Geb. 22,00 €


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